Autonomes Fahren und moralische Dilemmata. Eine deontologische Auseinandersetzung aus risikoethischer Perspektive (Arbeitstitel)

Vanessa Schäffner (Betreuende: Prof. Dr. Alexander Filipović, Prof. Dr. Markus Babo und Prof. Dr. Claus Dierksmeier)

Promotionsvorhaben

Wie sollen sich autonome Fahrzeuge im Falle einer unausweichlichen Kollision verhalten? Wessen Sicherheit sollen sie priorisieren, wenn Personenschäden nicht mehr abwendbar sind? Moralische Dilemma-Strukturen transportieren durch alle Epochen der Philosophiegeschichte hindurch ureigene Problemkomplexe der Ethik und Moralphilosophie in vielfältige Anwendungszusammenhänge. Geeignete Antworten auf diese und ähnliche Fragestellungen hängen in entscheidender Weise von gesellschaftlich geprägten, normativen Moral- und Wertvorstellungen ab, welche durch die fortschreitende Digitalisierung neu zur Diskussion gestellt werden. Die bevorstehende Einführung des autonomen Fahrens konfrontiert uns daher mit der Notwendigkeit, neue Antworten auf „alte“ Fragen zu finden.

Das Promotionsvorhaben greift die Problemstellung moralischer Dilemmata im Kontext des autonomen Fahrens sowohl aus metaethischer als auch aus angewandter Sicht auf. Dabei werden zunächst unterschiedliche philosophische Positionen der Dilemma-Theorie kritisch in den Blick genommen. Mithilfe metaethischer Argumentationen zur Nicht-Eliminierbarkeit bzw. Nicht-Verhandelbarkeit von absolut gültigen moralischen Gründen (vgl. z.B. Gowans 1994, Tessman 2015) soll die inhaltliche Symmetrie der konfligierenden Ansprüche auf Leben und körperliche Unversehrtheit begründet werden. Darauf aufbauend wird im Rahmen der angewandten ethischen Diskussion eine risikoethische Perspektive auf Dilemma-Situationen eingenommen, welche diese als Risiko-Verteilungsprobleme auffasst (vgl. z.B. Goodall 2016a, 2016b, Hevelke und Nida-Rümelin 2015). Durch diese spezifische Interpretationsweise wird der Fokus der Untersuchung auf die Umstände gerichtet, unter denen es moralisch zulässig ist, Individuen einem Schadensrisiko auszusetzen, welches im Kontext von Dilemmata entsteht. Diese Umstände werden insbesondere durch deontologische Grenzen bestimmt, die in der unbedingten Pflicht zur Wahrung individueller Rechte einerseits sowie einer gerechten Verteilung der entstehenden Risiken andererseits bestehen (vgl. z.B. Nida-Rümelin 2005, Nida-Rümelin et al. 2012, Rippe 2013). Der zentrale Auftrag des Promotionsvorhabens lautet daher, moralische Dilemmata vor dem Hintergrund der Risikoethik zu interpretieren und ethisch zu begründen, inwiefern sich unter dem deontologischen risikoethischen Paradigma ein Lösungskonzept für den Kontext des autonomen Fahrens erarbeiten lässt. Für beide Grenzkriterien soll in einer Weise argumentiert werden, die die Kern-These des Promotionsvorhabens stützt: Die im Rahmen moralischer Dilemmata entstehenden Risikoexpositionen sind nur dann moralisch vertretbar, wenn sowohl die Wahrung individueller Rechte als auch eine interpersonelle Verteilungsgerechtigkeit gewährleistet sind. Nur auf diese Weise ist es aus risikoethischer Sicht möglich, den in Konflikt stehenden moralischen Ansprüchen aller Individuen gerecht zu werden. Im Anschluss an die theoretische Auseinandersetzung wird schließlich ein Ausblick auf mögliche Realisierungsformen der erarbeiteten normativen Forderungen gegeben. In diesem Zuge soll insbesondere gegen die Position argumentiert werden, dass das Zufallsprinzip eine geeignete Möglichkeit zur praktischen Umsetzung darstellt (vgl. z.B. Lin 2014).

 

Literatur (Auszug)
  • Goodall, Noah J. (2016a): Away from Trolley Problems and Toward Risk Management. In Applied Artificial Intelligence 30, S. 810–821.
  • Goodall, Noah J. (2016b): Can you program ethics into a self-driving car? In IEEE Spectrum 53, S. 28–58.
  • Gowans, Christopher W. (1994): Innocence Lost. An Examination of Inescapable Moral Wrongdoing. New York: Oxford University Press.
  • Hevelke, Alexander und Julian Nida-Rümelin (2015): Selbstfahrende Autos und Trolley-Probleme: Zum Aufrechnen von Menschenleben im Falle unausweichlicher Unfälle. In Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik 19, S. 5–24.
  • Lin, Patrick (2014): The Robot Car of Tomorrow May Just Be Programmed to Hit You. WIRED. URL: https://www.wired.com/2014/05/the-robot-car-of-tomorrow-might-just-be-programmed-to-hit-you/
  • Nida-Rümelin, Julian (2005): Ethik des Risikos. In Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung: Ein Handbuch. Stuttgart: Kröner Verlag, S. 862–885.
  • Nida-Rümelin, Julian; Johann Schulenburg und Benjamin Rath (2012): Risikoethik. Berlin: de Gruyter.
  • Rippe, Klaus-Peter (2013): Risiko, Ethik und die Frage des Zumutbaren. In Zeitschrift für philosophische Forschung 4, S. 517–
  • Tessman, Lisa (2015): Moral Failure. On the Impossible Demands of Morality. New York: Oxford University Press.