Bedeutung rhizomatischer Denkmuster für die Struktur von Bildungsprozessen (Arbeitstitel)

Corinna Eich (Betreuender: Prof. Dr. Krassimir Stojanov)

Promotionsvorhaben

In Anschluss an Rainer Kokemohr und Winfried Marotzki wird Bildung als Prozess der Transformation der grundlegenden Figuren der Selbst- und Weltverhältnisse, ausgelöst durch eine Problemerfahrung, die mit Hilfe der bestehenden Orientierungsmuster nicht beantwortet werden kann, verstanden. Dieser Blick auf Bildung sieht das Subjekt in der pluralen und durch Ambivalenzen charakterisierten gegenwärtigen Gesellschaft vor neue Herausforderungen gestellt. Ein Transformatorischer Bildungsprozess soll somit zur Entstehung neuer Möglichkeiten der Umgangsweisen mit Unbekannten führen. Diese Konfrontation mit der Figur des Fremden verlangt dabei nach einer kategorialen Umbildung bestehender Selbst- und Weltverhältnisse derart, dass Eigenes und Fremdes in der Transformation auf eine Art aufeinander bezogen werden, dass diese sowohl den eigenen Strukturen als auch dem Anspruch der Figur des Fremden gerecht wird. Somit rückt vielmehr der Modus der Bezugnahme im Bildungsvorhalt als Antwortereignis in den Fokus, als der Horizont des Verstehens. Der Raum des Dia / des Inter wird dabei durch ein reflexives Urteilen thematisiert, das nicht das Wesen des Anderen bestimmt, sondern das Verhältnis von Eigenem und Fremden und somit den Zwischenraum als solchen in den Blick nimmt. Das Moment des Bildungsprozesses ist folglich nicht als das Verstehen des Anderen zu beschreiben, sondern eher als die Wahrung des Zwischenbereiches zwischen Eigenem und Fremden. Dieser Blick auf Bildungsprozesse eröffnet die Frage danach, wie die Strukturen neu entstehender Selbst- und Weltverhältnisse beschrieben werden können: Was bedeutet das Aufeinanderbezogensein der Eigenheit und Fremdheit ohne darüber liegende Einheit für die sich ausbildenden Selbst- und Weltverhältnisse des Subjekts? Wie ist eine solche Auseinandersetzung strukturell zu beschreiben?

In der Promotionsarbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob der theoretische Ansatz des rhizomatischen Denkens und der Konzepte der De- und Reterritorialisierung von Gilles Deleuze und Félix Guattari die innere Figur von neu entstehenden Selbst- und Weltverhältnissen im Bildungsprozess strukturell beschreiben kann. In theoretischer Auseinandersetzung mit Deleuzes Werken DIFFERENZ UND WIEDERHOLUNG (1968) und RHIZOM (1977) soll ein Denkmuster entworfen werden, das die Gleichzeitigkeit von Differenz und Verbindung umfasst und dies in Bezug auf Bildungsprozesse weitergedacht werden. Dies nimmt in den Blick, wie die Struktur eines Bildungsprozesses aussehen kann, vor welchen Herausforderungen eine Bildungstheorie in einer pluralen Gesellschaft steht und auf welche Weise ethische Implikationen dabei möglich oder nötig sind. Ermöglicht dieser Blick auf Bildungsprozesse einen inter-religiösen, inter-kulturellen, inter-personellen Austausch an jenen Orten, wo Verstehensprozesse vor dem Hintergrund von Konsenstheorien nicht mehr funktionieren? Eröffnet der theoretische Ansatz von Deleuze und Guattari Antworten auf die Möglichkeit von Ethik in einer pluralen Gesellschaft und damit auch was Bildung im 21. Jahrhundert ermöglichen soll?