Die Einheitsthese in tugendethischen Argumentationen (Arbeitstitel)

Melanie Förg (Betreuende: Prof. Dr. Andreas Trampota SJ und Prof. Dr. René Torkler)

Promotionsvorhaben

Würde man von einer mutigen Person sagen, dass sie nur dann wirklich mutig ist, wenn sie auch Vernunft und Mäßigung besitzt? Die These, dass dem so ist, d.h. dass eine Person, die eine Tugend hat, zugleich auch alle anderen hat, bezeichnet man als These von der ‚Einheit der Tugenden‘ (ET). Im Umkehrschluss fehlten einer Person, falls sie eine Tugend nicht hat, auch alle anderen Tugenden bzw. hervorragenden Charaktereigenschaften. Das widerspricht unseren Intuitionen im Alltag, wo wir Menschen auch für einzelne Tugenden loben.

Freilich ist Sprache immer idealisierend in dem Sinn, als man ein Vorbild bzw. eben ‚Ideal‘ nur für eine Eigenschaft bewundert, die dieses in besonderer Weise auszeichnet. Entsprechend enttäuscht ist man dann, wenn das Vorbild sich z.B. mutig gegen ungerechte Anweisungen des Chefs wehrt, sich aber selbst ungerecht bzw. unfair gegenüber anderen Personen verhält – z.B., indem es als Erstes von der für alle Kolleg*innen bestellten Pizza isst und somit nicht die Eigenschaft der Mäßigung hat. Doch ist für das Erkennen dieser Tugend Überlegung bzw. praktische Vernunft nötig – denn schließlich könnte es ja sein, dass das Vorbild einen sehr guten Grund hat, sich dieses eine Mal nicht zurückzuhalten (z.B. ein dringendes Gespräch, das ggf. auch den Kolleg*innen nützt). Hier ist die genauere Version von ET durch Aristoteles hilfreich: Man brauche praktische Vernunft bzw. Weisheit (phronesis), um das richtige Verhalten bzw. die tugendhaften Charaktereigenschaften in der jeweiligen Situation für sich und andere zu erkennen. Vernunfttugend (phronesis) und Charaktertugenden seien somit wechselseitig aufeinander bezogen (reziprok, daher auch ‚Reziprozitätsthese‘); der Vernunfttugend komme dabei die zentrale Rolle zu, die Einheit der Charaktertugenden über ein ganzes Leben hinweg (d.h. holistisch) herzustellen. Trotzdem wird ET in heutigen tugendethischen Argumentationen häufig – z.T. auch ohne Begründung, je nach Version von ET – abgelehnt. Bei der Klärung dieses Befundes setzt das Dissertationsprojekt an.

Tugend-Ethik ist höchst relevant für Kultur wie für Bildung und verbindet so die Trias des Promotionskollegs: Trans- und interkulturell sind tugendethische Argumentationen insofern relevant, als z.B. die Kardinal- bzw. grundlegenden Tugenden Gerechtigkeit, Mäßigung, Mut und praktische Vernunft sich auf allgemein-menschliche Situationen beziehen und somit in jedem menschlichen Leben benötigt werden (z.B. Mut in furchterregenden Situationen). Bildungs- und erziehungstheoretisch sind tugendethische Argumentationen insofern relevant, als diese die psychologischen Voraussetzungen moralischen Verhaltens reflektieren.