Digitale Kultur als Katalysator realpolitischer Entscheidungen

Ludwig Hanisch (Betreuender: Prof. Dr. Joost van Loon)

Promotionsvorhaben

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von digitaler Kultur und realpolitischen Entscheidungen. Der Hintergrund des Forschungsinteresses ist eine im Fachdiskurs attestierte „Krise der Demokratie“ (siehe Blühdorn 2013; Crouch 2008; Offe 2003). Diese äußert sich u. a. durch eine Dialektik zwischen sog. Politikverdrossenheit und einem gesteigerten Willen nach (demokratischer) Mitbestimmung und Teilhabe. Seit einigen Jahren lässt sich nun jedoch eine Manifestation gesteigerter (politischer) Kommunikation in unterschiedlichen digitalen Lebenswelten (bspw. Facebook, Twitter, YouTube o. Ä.) beobachten, welche jüngst durch die öffentlich wirksamen Twitter-Aktivitäten des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ihre bisherige Klimax zu erreichen scheint und gleichzeitig die zunehmende Wichtigkeit jener Medien suggeriert. Innerhalb dieser kommunikativen Sphären digitaler Natur konstituiert sich also fortwährend eine sog. digitale Kultur, die sich als Summe einer komplexen Serie sozialer Aushandlungsprozesse verstehen lässt, in welcher die partizipierenden Individuen zu Werturteilen geteilter Bedeutung kommen (vgl. Stalder 2016, S. 16 ff.)[1]. Diese durch soziale Interaktion gekennzeichnete Konstruktion von Sinnstrukturen in digitalen Lebenswelten ist jedoch eingebettet in postdemokratische Strukturen[2] (siehe Crouch 2008), in denen Beteiligungsmöglichkeiten zwar bewahrt oder sogar neu geschaffen, zugleich aber Entscheidungskapazitäten auf Ebenen gestärkt werden, auf denen Mitbestimmung ausgeschlossen ist. Immer wieder lassen sich Fälle beobachten, die darauf hinweisen, dass die spezifische Beschaffenheit einer digitalen Kultur (politische), offline stattfindende Entscheidungen beeinflussen könnte[3]. Folgende Fragestellungen sind der Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens:

  • Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen beeinflusst digitale Kultur realpolitische Entscheidungen?
  • (Wie) Produzieren bzw. reproduzieren sich die Symptome der „Krise der Demokratie“ im Kontext der Digitalität?

Der Forschungsgegenstand ist ein Set von digitalen Lebenswelten, auf denen innerhalb eines der jeweiligen Plattform zugrundeliegenden thematischen Rahmens digitale Kultur ausgehandelt wird. Ausschlaggebend hierbei ist, dass die Summe der stattfindenden Aushandlungsprozesse im Anschluss zu einer – wie auch immer gearteten – (politischen) Entscheidung überführt wird. In diesem Kontext bieten sich insbesondere Crowdsourcing-, Open-Innovation- sowie partizipationsorientierte Open-Government-Portale an. Die Datenerhebung erfolgt mittels leitfadengestützter Interviews mit Entscheidungsträger*innen, Plattformbetreiber*innen und sog. Lead-User*innen. Zur systemischen Auswertung und Analyse der Daten soll die Grounded-Theory-Methodologie dienen (siehe Bryant / Charmaz 2007; Glaser / Strauss 1967; Corbin / Strauss 2014). Die Kodierung der qualitativen Daten soll sich am Kodier-Verfahren nach Corbin und Strauss (2014) orientieren. Zur Veranschaulichung, Analyse und Ermittlung von Strukturzusammenhängen zwischen identifizierten Phänomenen soll das sog. Kodierparadigma herangezogen werden (siehe Strübing 2014, S. 24 ff.; Mey und Mruck 2010, S. 619 f.; Breuer et al. 2017, S. 280 f.).

 

Fußnoten

[1] Der Kulturbegriff unterliegt in den Sozialwissenschaften und insbesondere in der Kultursoziologie keiner einheitlichen Definition und wird kontrovers diskutiert. Aufgrund der gebotenen Kürze dieses Abstracts kann deswegen nicht weiter darauf eingegangen werden. Die Schärfung desselbigen im Kontext der Digitalität ist Bestandteil des Vorhabens. Neben Stalder (2016) erscheint vor allem Latours Akteur-Netzwerk-Theorie (siehe Latour 2007) zielführend.

[2] Unter Postdemokratie soll im Folgenden eine Entwicklung der liberal demokratischen Industrieländer des Westens verstanden werden, die dadurch gekennzeichnet ist, dass Demokratie ausgehöhlt wird, indem politische Entscheidungen zunehmend von wirtschaftlichen Eliten und nicht gewählten Volksvertreter*innen unter Ausschluss demokratischer Institutionen getroffen werden (siehe Crouch 2008).

[3] Man denke hier etwa an die Rolle der sozialen Medien im sog. arabischen Frühling, das Crowdsourcing von politischen Agenden (z. B. CSU – Bayernplan oder ÖVP – Evolution Volkspartei), Open-Government-Projekte sowie diverse politisch oder ökonomisch orientierte Open-Innovation-Ansätze.

 

Langbelege und Auszug relevanter Literatur
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