Gegenseitiges Lernen zwischen den Sprachspielen von Wissenschaft und Religion: Eine neue Lektüre von Wittgenstein

Mohammad Zoheir Bagheri Noaparast (Betreuende: Prof. Dr. Krassimir Stojanov und Prof. Dr. Godehard Brüntrup)

Promotionsvorhaben

Wittgenstein hat die Idee der “Sprachspiele” eingeführt, die große Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Sprachspiele werden verwendet, um sich auf verschiedene Anteile der Sprache zu beziehen, die ihre eigenen spezifischen Regeln haben. Laut Wittgenstein sind Wissenschaft und Religion zwei verschiedene Sprachspiele. Ich werde mich auf diese beiden konzentrieren, um nach der Möglichkeit und dem Weg des gegenseitigen Lernens zwischen Sprachspielen zu suchen.

Warum Wissenschaft und Religion? Dies liegt daran, dass zumindest seit der Aufklärung, ein Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion stattfindet. Darüber hinaus, im Allgemeinen, hat dieser Konflikt zu Unbehagen in unserem gegenwärtigen menschlichen Leben geführt, insbesondere in Bildungseinrichtungen. Letzteres ist in der noch immer lebendigen Evolutions-/ Schöpfungskontroverse in Bildungsorganisationen zu beobachten und erstere lässt sich auf die Auseinandersetzungen zwischen säkularen und religiösen Menschen zurückführen. Jürgen Habermas hält die Auseinandersetzung mit diesem Konflikt in der heutigen Zeit für notwendig. Bezug nehmend auf die dringende Notwendigkeit im gesamten gesellschaftlichen und politischen Leben der Menschen, stellt Habermas fest: Dies berührt Konflikte, die bereits weltweit durch die unerwartete geistliche Erneuerung und die beunruhigende politische Rolle religiöser Gemeinschaften ausgelöst werden. Er denkt, dass die Gläubigen einerseits und die Säkularen andererseits als Unterstützer der Vernunft nicht nur übereinander, sondern miteinander reden sollten.

Nach Wittgensteins Ansicht haben Wissenschaft und Religion jeweils ein eigenes Sprachspiel. Soweit es die Wissenschaft betrifft, spielt die Erklärung eine zentrale Rolle in ihrem Sprachspiel. Das heißt, Wissenschaftler suchen nach Ursachen für das, was passiert. Die Merkmale des Sprachspiels der Religion sind jedoch nach Wittgensteins Ansicht sehr kontrovers. Die berühmteste Lektüre von Wittgenstein betrachtet das Sprachspiel der Religion als “Fideismus”, ein Konzept, das glaubt, dass Religion auf Glauben beruht und keine unterstützenden Beweise benötigt.

Ich werde die starke Lektüre von Wittgenstein über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion kritisieren. Nach dieser Lesart sind die Sprachspiele von Wissenschaft und Religion völlig verschieden und es kann keine Interaktion zwischen ihnen geben. Ich werde eine alternative Lesart vorschlagen, nach der Brücken zwischen den beiden Sprachspielen gebaut werden können. Basierend auf dieser alternativen Lektüre wäre ein gegenseitiges Lernen zwischen den Sprachspielen möglich.

Ein anderer Teil meiner Kritik bezieht sich auf das Kernverständnis des Fideismus, nach dem Religion nicht aus der Perspektive der Wissenschaft kritisiert werden kann, da andererseits kein Platz für den Glauben an die Wissenschaft ist. Ich werde eine alternative Lesart vorschlagen, bei der der Glaube nicht in scharfem Gegensatz zu Vernunft und Wissenschaft steht; damit eine Kommunikation zwischen Wissenschaft und Religion stattfinden kann.

In dieser auf Wittgensteins Sprachphilosophie basierenden Dissertation, möchte ich die Möglichkeit der wechselseitigen Beziehung zwischen Religion und Wissenschaft untersuchen. Dies hängt mit der ersten Frage dieser Forschung zusammen, ob Fideismus und Erklärungsversuche miteinander unvereinbar sind, oder ob man eine Brücke zwischen den Sprachspielen von Religion und Wissenschaft schlagen kann. Basierend auf den Ergebnissen der ersten Frage werde ich nach den Wegen des gegenseitigen Lernens zwischen den religiösen und den wissenschaftlich gesinnten Menschen suchen.