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Zei­chen lesen, Zei­chen set­zen… Ge­dan­ken zum Gen­der­sprach­ver­bot

Statements und Gedanken der Kollegiat:innen zum Gendersprachverbot: Als engagierte Wissenschaftler:innen eines bayerischen Promotionskollegs möchten wir die „Zeichen der Zeit“ nicht nur lesen, sondern auch klare Zeichen setzen: Gegen die Diskriminierung und Marginalisierung von Minderheiten und für eine gleichberechtigte, inklusive und tolerante Gesellschaft.

Von Ai­leen Bier­baum, Han­nah Ber­ger, Ka­tha­ri­na Deu­fel, Lena Schütz­le,
Co­rin­na Be­ckers, Char­lot­ta So­phie Sip­pel, René Pi­kar­ski und Ma­rei­ke Ochs

Als en­ga­gier­te Wissenschaftler:innen ei­nes baye­ri­schen Pro­mo­ti­ons­kol­legs möch­ten wir die Zei­chen der Zeit nicht nur lesen, son­dern auch kla­re Zei­chen set­zen: Ge­gen die Dis­kri­mi­nie­rung und Mar­gi­na­li­sie­rung von Min­der­hei­ten und für eine gleich­be­rech­tig­te, in­klu­si­ve und to­le­ran­te Ge­sell­schaft. Die­sen An­spruch ver­fol­gen auch jene, die mehr­ge­schlecht­li­che Schreib­wei­sen durch Wort­bin­nen­zei­chen ver­wen­den. An die­sen Zei­chen schei­den sich der­zeit al­ler­dings die Geis­ter, sie ent­fa­chen De­bat­ten, er­hit­zen die Ge­mü­ter und ver­här­ten die Fron­ten. Da­bei wol­len sie doch ei­gent­lich das Ge­gen­teil be­wir­ken: Ver­bin­dun­gen stif­ten, Sicht­bar­keit schaf­fen, Ver­let­zung re­du­zie­ren. Gen­der­sen­si­ble Dop­pel­punk­te, Un­ter­stri­che und Stern­chen pro­vo­zie­ren ein In­ne­hal­ten im Spre­chen und er­öff­nen Räu­me für die Re­fle­xi­on ein­ge­fah­re­ner Denk­ge­wohn­hei­ten. Ei­ni­ge emp­fin­den das als un­schön, un­be­quem und un­nö­tig. Für an­de­re ist die­ser be­wuss­te Wan­del der Spra­che un­er­läss­lich, um den Her­aus­for­de­run­gen und Chan­cen un­se­rer li­be­ra­len und de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft ge­recht zu wer­den. In An­er­ken­nung der viel­sei­ti­gen Po­si­tio­nen die­ser längst nicht ab­ge­schlos­se­nen De­bat­te fra­gen wir uns hier in Form per­sön­li­cher Mei­nun­gen, wie sich das in Bayern be­schlos­se­ne Gen­der­sprach­ver­bot dazu ver­hält. Da­mit kom­men we­der die Po­si­ti­on der an un­se­rem Kol­leg be­tei­lig­ten Hoch­schu­len noch Stif­tun­gen zum Aus­druck.

File:Instagram logo 2016.svg - Wikipedia @ZeitZeichen

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Von Ai­leen Bier­baum, Dok­to­ran­din der So­zio­lo­gie

„Ihr könnt uns nicht weg re­den, in­dem ihr nicht mehr von uns sprecht.” – Un­ter die­sem Mot­to fand am 24. März in Mün­chen eine De­mons­tra­ti­on ge­gen das am 19. März 2024 durch das baye­ri­sche Ka­bi­nett er­las­se­ne Ge­setz statt, wel­ches die Ver­wen­dung gen­der­sen­si­bler Spra­che an Be­hör­den, Schu­len und Hoch­schu­len ver­bie­tet. 

Das er­las­se­ne Ge­setz ist vor al­lem ei­nes: dis­kri­mi­nie­rend. Wäh­rend ge­schlech­ter­ge­rech­te Spra­che für eine of­fe­ne Ge­sell­schaft steht, wel­che ihre Di­ver­si­tät und Plu­ra­li­tät in eben­die­ser aus­drückt, sug­ge­riert ein Ge­setz wie die­ses, dass die Ge­sell­schaft vor Di­ver­si­tät ge­schützt wer­den müs­se. Es wi­der­spricht nicht nur dem Er­zie­hungs- und Bil­dungs­auf­trag von Schu­len und Hoch­schu­len, es dis­kri­mi­niert ak­tiv oh­ne­hin schon mar­gi­na­li­sier­te Grup­pen und be­deu­tet ei­nen Rück­schritt in Be­zug auf die Ak­zep­tanz ge­schlecht­li­cher Viel­falt auf ver­schie­dens­ten Ebe­nen.

Als So­zi­al­päd­ago­gin, Pro­mo­ven­din in der So­zio­lo­gie, Do­zen­tin für Gen­der-Stu­dies an ei­ner Hoch­schu­le und que­e­re Per­son emp­fin­de ich das Ver­bot auf un­ter­schied­li­chen Ebe­nen als un­an­ge­mes­sen und rück­schritt­lich, vor al­lem aber als Ein­griff in die Mensch­lich­keit und An­griff auf die Mög­lich­keit, durch Spra­che eine Rea­li­tät zu schaf­fen, in wel­cher sich Men­schen durch eine klei­ne Sprech­pau­se, ein Gen­der­stern­chen oder ei­nen Dop­pel­punkt mit­ge­meint, ak­zep­tiert und we­ni­ger dis­kri­mi­niert füh­len. 

In ei­ner im De­zem­ber 2023 ver­öf­fent­lich­ten re­prä­sen­ta­ti­ven Stu­die des Bay­ri­schen Ju­gend­rings und dem In­sti­tut für Di­ver­si­ty- und An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­for­schung wur­den LGBTIQA*-Jugendliche und jun­ge Er­wach­se­ne in Bayern zu ih­rer Le­bens­si­tua­ti­on be­fragt. 94% der be­frag­ten Per­so­nen ga­ben an, schon ein­mal Dis­kri­mi­nie­rung er­fah­ren zu ha­ben. Da­bei ge­ben 49% al­ler Be­frag­ten an, mit fal­schen Namen/Pronomen an­ge­spro­chen wor­den zu sein und 79% emp­fin­den die feh­len­de Sicht­bar­keit in Lehr­ma­te­ria­li­en als dis­kri­mi­nie­rend. Eine Zahl, die durch das Gen­der­ver­bot wohl noch stei­gen wird. 

Die bi­nä­re Ge­schlecht­er­ord­nung kann und muss hin­ter­fragt und de­kon­stru­iert wer­den, denn wie wir seit vie­len Jah­ren wis­sen, gibt es nicht nur zwei Ge­schlech­ter. In­ter* und trans* Per­so­nen wer­den durch Ge­set­ze wie die­ses dis­kri­mi­niert, aus­ge­grenzt, ih­rer Iden­ti­tät be­raubt und letzt­lich vor al­lem un­sicht­bar ge­macht. Eine Un­sicht­bar­keit, die durch zu­neh­men­de Re­prä­sen­ta­ti­on in Me­di­en oder Po­li­tik (2021 zo­gen mit Tes­sa Gan­se­rer und Nyke Sla­wik die ers­ten trans* Per­so­nen in den Bun­des­tag ein) und ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen, wie die Mög­lich­keit des Ge­schlechts­ein­trags ‘di­vers’ und die ge­plan­te Ein­füh­rung des Selbst­be­stim­mungs­ge­set­zes in den ver­gan­ge­nen Jah­ren schon deut­lich ab­ge­baut wer­den konn­te. 

Dass Gen­dern in der Spra­che für den Ein­schluss mar­gi­na­li­sier­ter Grup­pen un­ab­ding­bar ist, ist wahr­schein­lich vie­len be­wusst. Ge­nau­so, wie es de­nen, die be­reits in Wort und Schrift gen­dern, be­wusst ist, dass dies nicht alle Men­schen tun wer­den. Den­noch geht es um den Ver­such, sich ei­ner Spra­che an­zu­nä­hern, die alle mit meint, statt nur die­je­ni­gen, die sich im bi­nä­ren Ge­schlech­ter­sys­tem ver­or­ten kön­nen. Und da ist die Dis­kus­si­on um die Ver­wen­dung des ge­ne­ri­schen Mas­ku­li­nums in die­ser Wort­mel­dung noch nicht ein­mal in­be­grif­fen. Jede Per­son soll­te spre­chen kön­nen dür­fen, wie sie es für rich­tig hält.

 

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Von René Pi­kar­ski, Dok­to­rand in der po­li­ti­schen und So­zi­al­phi­lo­so­phie

Nicht Ver­bo­te, son­dern Dis­kur­se hal­ten Dis­kur­se of­fen

Es dau­ert eine gan­ze Wei­le, bis wir Bürger:innen uns im Struk­tur­baum der All­ge­mei­nen Ge­schäfts­ord­nung für die Be­hör­den des Frei­staa­tes Bayern (AGO) bis zum §22 durch­ge­klickt ha­ben. Er re­gelt die sprach­li­che Ge­stal­tung des dienst­li­chen Schrift­ver­kehrs und ge­hört da­mit zu den Ab­lauf­be­stim­mun­gen von Be­hör­den­pro­zes­sen, die stets »all­ge­mein­wohl­be­zo­gen, ziel­ori­en­tiert, wirt­schaft­lich und spar­sam, bür­ger­freund­lich, um­welt­ge­recht, so­zi­al­ver­träg­lich und mit­ar­bei­ter­be­zo­gen zu er­fül­len« sind. Der Baye­ri­sche Brief soll da­bei »höf­lich, klar und für den Emp­fän­ger« (wohl nicht für die Emp­fän­ge­rin) »ver­ständ­lich sein so­wie Fremd­wör­ter mög­lichst ver­mei­den«, An­lie­gen sach­ge­recht und nach­voll­zieh­bar be­grün­den und da­bei die be­tref­fen­den Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten ein­heit­lich zi­tie­ren so­wie Ab­kür­zun­gen stehts für den Bür­ger (wohl nicht für die Bür­ge­rin) er­klä­ren. Es gel­ten da­bei die amt­li­chen Re­geln der deut­schen Recht­schrei­bung und eine ab dem 1. April 2024 wirk­sa­me Er­gän­zung: Mehr­ge­schlecht­li­che Schreib­wei­sen durch Wort­bin­nen­zei­chen wie Gen­der­stern, Dop­pel­punkt, Gen­der-Gap oder Me­dio­punkt sind un­zu­läs­sig.” 

Der Mi­nis­ter­rat be­grün­det die­se Er­gän­zung da­mit, dass man ei­ner Emp­feh­lung des Ra­tes für deut­sche Recht­schrei­bung aus dem ver­gan­ge­nen Jahr fol­ge, nach der ent­spre­chen­de »Ein­grif­fe in Wort­bil­dung, Gram­ma­tik und Or­tho­gra­fie« »die Ver­ständ­lich­keit von Tex­ten be­ein­träch­ti­gen kön­nen«. Die Än­de­rung der AGO auf die­se Emp­feh­lung zu stüt­zen, er­scheint mir ar­gu­men­ta­tiv we­nig über­zeu­gend und op­por­tun. Dies ver­rät etwa der et­was un­ge­schickt-ehr­li­che Ver­weis, dass man sich zwar an die­ser Emp­feh­lung des Recht­schreib-Ra­tes ori­en­tie­re, die Än­de­run­gen in der AGO aber auch dann noch gel­ten wer­den, wenn der Rat in »et­wa­igen künf­ti­gen Ent­schei­dun­gen« zu ei­ner an­de­ren Auf­fas­sung kom­men soll­te. Eine Ar­gu­men­ta­ti­on ist kaum über­zeu­gend, so­fern es sich auf eine Au­to­ri­tät be­ruft, die es im glei­chen Mo­ment nicht als Au­to­ri­tät an­er­kennt. Auf die­se Wei­se ist eine de­mo­kra­tisch an­ge­mes­se­ne Be­grün­dungs­auf­ga­be nur un­zu­rei­chend er­füllt, die ich ei­gent­lich zu den Stär­ken un­se­res po­li­ti­schen Han­delns in sei­nem öf­fent­li­chen, streit­freu­di­gen We­sen zäh­le.

Be­mer­kens­wert ist, dass sich der Rat für deut­sche Recht­schrei­bung bei sei­ner Emp­feh­lung zwar eben­falls auf das ge­nann­te Ar­gu­ment der Sprach­ver­ständ­lich­keit stützt. Al­ler­dings be­tont er zu­gleich, dass jede po­li­ti­sche Ad­ap­ti­on die­ser Emp­feh­lung etwa in ver­wal­tungs­recht­li­chen Re­geln die Sprach­ver­ständ­lich­keit im­mer aus­zu­ba­lan­cie­ren habe mit der un­be­streit­ba­ren ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Be­deu­tung ei­ner gen­der­sen­si­blen Spra­che, bei­spiels­wei­se im Hin­blick auf ih­ren an­ti­dis­kri­mi­nie­ren­den An­spruch, ge­nau­er: ei­nem An­spre­chen und Sicht­bar­ma­chen an­sons­ten ex­klu­dier­ter und mar­gi­na­li­sier­ter Per­so­nen und Per­so­nen­grup­pen. Ich ver­ste­he die­sen Hin­weis so, dass im Kon­flikt­fall eine Re­ge­lung zu­guns­ten der Sprach­ver­ständ­lich­keit nicht und nie­mals ohne ver­nünf­ti­ge Ab­wä­gung ge­gen­über die­sem ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Nut­zen gen­der­sen­si­bler Spra­che er­fol­gen soll­te.

Von die­ser Aus­ba­lan­cie­rung, von der Be­rück­sich­ti­gung der po­si­ti­ven ge­sell­schaft­li­chen Be­deu­tung gen­der­ge­rech­ter Spra­che, fehlt in der knap­pen Be­grün­dung des Mi­nis­te­ri­al­be­schlus­ses lei­der jede Spur. Zu­dem setzt sich der Mi­nis­ter­rat über eine War­nung des Rats für deut­sche Recht­schrei­bung hin­weg, dass po­li­ti­sche Re­gu­lie­run­gen un­se­rer Spra­che und erst recht ein Sprachver­bot zur Fol­ge ha­ben könn­ten, ei­nen der­zeit noch of­fe­nen Dis­kurs auf ra­di­ka­le Wei­se zu ka­na­li­sie­ren und ihn über die Bürger:innen, die an die­sem Pro- und Kon­tra-Dis­kurs teil­neh­men, hin­weg früh­zei­tig zu be­en­den. Und das, ob­wohl »ge­schlech­ter­ge­rech­te Schrei­bung« »auf­grund des ge­sell­schaft­li­chen Wan­dels und der Schreib­ent­wick­lung noch im Fluss« ist.

Dass die Be­grün­dung des Mi­nis­ter­rats (das Gen­der­ver­bot die­ne der Sprach­ver­ständ­lich­keit) op­por­tun ist, könn­te man auch aus den nach­träg­li­chen State­ments be­tei­lig­ter Po­li­ti­ker (in dem Fall nur Män­ner) ab­lei­ten. Sie be­zie­hen sich näm­lich we­ni­ger auf die Sprach­ver­ständ­lich­keit, son­dern dar­auf, dass man end­lich ei­ner »ideo­lo­gie­ge­trie­be­nen« Spra­che im dienst­li­chen Schrift­ver­kehr Ein­halt ge­bie­te, die längst schon dis­kri­mi­nie­ren­de und mo­ra­li­sie­ren­de Ef­fek­te ge­zeigt habe, und zwar ge­gen­über den­je­ni­gen, die nicht gen­dern. Da­her die­ne das Gen­der­ver­bot nun dazu, »die Dis­kurs­räu­me in ei­ner li­be­ra­len of­fe­nen Ge­sell­schaft tat­säch­lich of­fen­zu­hal­ten und nicht wei­ter zu ver­drän­gen«.

Ich kann nicht dazu Stel­lung neh­men, in­wie­weit die­se Ein­zel­fäl­le (auch in ih­rem Ver­hält­nis zu den durch gen­der­sen­si­ble Spra­che er­reich­ten Per­so­nen) aus­schlag­ge­bend sein kön­nen für ein Sprach­ver­bot. Mich ir­ri­tiert al­ler­dings, dass hier der Dis­kurs über die so­wohl po­si­ti­ve wie ne­ga­ti­ve ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Be­deu­tung ei­ner gen­der­sen­si­blen Spra­che von den po­li­ti­schen Ak­teu­ren im Raum der öf­fent­li­chen, oft und si­cher auch zu­recht nur lo­cker bis schlecht be­grün­de­ten Mei­nun­gen zwar wei­ter­ge­führt und an­ge­feu­ert wird. Doch of­fen­bar man­gel­te es im sel­ben Fall an po­li­ti­schem En­ga­ge­ment, die­se Mei­nun­gen vor­her auch auf ein be­grün­dungs­wür­di­ges Ni­veau für die be­schluss­wirk­sa­me Ebe­ne und die ei­gent­li­che po­li­ti­sche Hand­lung zu he­ben. Dort, wo es nicht nur um Wäh­ler­stim­men und Par­tei­de­bat­ten geht, son­dern um die zu­künf­ti­ge Ge­stal­tung un­se­rer In­sti­tu­tio­nen, Be­hör­den und Hoch­schu­len; dort, wo die ei­gent­li­che Ac­tion ist, in der Be­grün­dung ei­nes Ver­bots, fin­det über­haupt kein ge­sell­schafts­po­li­ti­sches Ar­gu­ment zum Gen­dern statt. We­der geht es um Dis­kri­mi­nie­rung noch um Ge­rech­tig­keit. Man be­gnügt sich mit dem Hin­weis auf die ver­ständ­li­che Spra­che. Das er­scheint mir, im Dop­pel­sinn des Wor­tes, doch et­was faul. 

Ohne ein über­zeu­gen­des Ar­gu­ment bleibt also frag­wür­dig, wie nun aus­ge­rech­net Ver­bo­te ei­nen Dis­kurs of­fen­hal­ten kön­nen. Es mag sein, dass wir beim gen­der­sen­si­blen Spre­chen noch kei­ne letz­te, über­zeu­gen­de Form ge­fun­den ha­ben. Aber die Su­che auf in­sti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne in Be­hör­den, Schu­len und Hoch­schu­len nun durch ein Ver­bot als be­en­det zu er­klä­ren und die­sen öf­fent­li­chen Raum und sei­ne Vertreter:innen ins Ab­seits ei­nes ge­samt­ge­sell­schaft­lich oh­ne­hin und trotz­dem wei­ter­ge­hen­den Dis­kur­ses zu stel­len, scheint mir ein un­an­ge­brach­tes Mit­tel zu sein, um über­haupt ir­gend­wel­che Dis­kur­se of­fen­zu­hal­ten.

Ver­ständ­lich­keit und Ver­stän­di­gung durch Spra­che

Mei­nem Ap­pell für eine wür­de­vol­le Ar­gu­men­ta­ti­on bei po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen zur gen­der­sen­si­blen Spra­che, die al­len Be­trof­fe­nen und un­se­rer De­mo­kra­tie an­ge­mes­sen ist, möch­te ich ein Plä­doy­er da­für an­schlie­ßen, den un­ent­schie­de­nen Dis­kurs über ei­nen ent­spre­chen­den Wan­del un­se­rer Spra­che nicht durch Ver­bo­te zu ka­na­li­sie­ren. 

Als Geis­tes­wis­sen­schaft­ler, der gen­der­sen­si­bel schreibt und spricht, gebe ich gern die Un­be­quem­lich­keit zu: Ich be­nei­de die­je­ni­gen, die be­reits in­tui­tiv gen­dern. Mir aber rutscht, ge­ra­de bei Vor­trä­gen, die aus­schließ­lich mas­ku­li­ne Form noch hin und wie­der durch. Ich habe da­bei kaum die Er­fah­rung ge­macht, dass man mich da­für mo­ra­li­sie­rend ta­delt, ge­schwei­ge denn aus dem Dis­kurs ver­drängt. Wenn über­haupt, er­tap­pe ich mich selbst da­bei und hole die an­ge­brach­te An­re­de nach. Ich stö­re mich dar­an selbst und bin der Mei­nung, dass die­se Stö­rung für mich sinn­voll ist.

Bis jetzt hat mich nie­mand da­von über­zeugt, dass mit ei­nem un­ge­wöhn­li­chen Dop­pel­punkt oder ei­ner gen­der­sen­si­blen Pau­se im Spre­chen ein der­art kras­ses Sprach-un-ver­ständ­nis er­zeugt wür­de, wel­ches sich auch nur an­satz­wei­se mit dem ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Nut­zen ei­nes gen­der­sen­si­blen Sprach­wan­dels mes­sen kann. Manch­mal den­ke ich: Wenn auch nur eine ein­zi­ge Per­son sich durch eine ver­än­der­te, be­wusst ge­rich­te­te An­re­de in mei­ner Um­welt ge­rech­ter be­han­delt fühlt oder da­durch sicht­ba­rer wird, was juckt mich da an­ge­sichts der von mir hoch­ge­schätz­ten Wer­ten wie Ge­rech­tig­keit und So­li­da­ri­tät ei­gent­lich eine win­zi­ge Stö­rung, Un­ter­bre­chung, Ver­än­de­rung im Sprach­fluss und eine ent­spre­chend klei­ne gram­ma­ti­ka­li­sche De­lin­quenz? Ich habe bis­her in kei­ner Be­hör­de und in kei­ner Hoch­schu­le je­man­den an­ge­trof­fen, de­ren oder des­sen In­tel­lekt und Sprach­fä­hig­keit durch ei­nen Gen­der­stern über­for­dert und vor den rei­ßen­den Ab­grund der Sprach­ver­wir­rung ge­bracht wur­de. Statt­des­sen ken­ne ich Men­schen, die sich da­durch ge­rech­ter an­ge­spro­chen und wahr­ge­nom­men füh­len.

Für mich ge­nießt un­se­re Gram­ma­tik kei­nen Wert an sich, den es in Ewig­keit zu kon­ser­vie­ren gilt. Ihr Wert, wie der der Spra­che ins­ge­samt, muss sich an­dau­ernd an der Ver­ständ­lich­keit und am Nut­zen der Ver­stän­di­gung mes­sen las­sen. Das Gen­dern ist da­bei ein re­la­tiv auf­wands­ge­rin­ges Mit­tel, um Per­so­nen­grup­pen, die bis­her sprach­lich un­zu­rei­chend ab­ge­bil­det wa­ren, end­lich ab­zu­bil­den, denn das heißt: sie in un­se­re Ver­stän­di­gungs­be­zie­hun­gen aus­drück­lich ein­zu­be­zie­hen. Das al­lein kann na­tür­lich auch die Re­ge­lung leis­ten, bei­de Ge­schlech­ter gleich­be­rech­tigt ne­ben­ein­an­der an­zu­schrei­ben. Aber der ak­ti­vie­ren­de, die­se Be­zie­hung über­haupt erst be­haup­ten­de und da­mit eta­blie­ren­de Schritt, die Si­gnal­wir­kung, aber auch das Si­gnal der so Spre­chen­den, sich hier zu et­was zu be­ken­nen; je­nes be­wusst in­iti­ier­te Stol­pern, das das Be­wusst­sein än­dern soll, scheint mir ins­be­son­de­re in der Trans­gres­si­on der Gram­ma­tik zu lie­gen. Hin­zu kommt, dass in die­sem Si­gnal der Pau­se, des Dop­pel­punkts und Sterns kein Gra­ben der Un­ver­ständ­lich­keit, son­dern die Chan­ce lau­ert, mehr als nur zwei Ge­schlech­ter an­zu­spre­chen.

In die­sem Sin­ne ist das Gen­dern im­mer »po­li­tisch«, aber nicht in je­dem Fall »ideo­lo­gisch« (d. i. welt­an­schau­lich ohne Welt­be­zug). Ich fän­de die Un­ter­stel­lung un­plau­si­bel, dass der welt­an­schau­li­che Ge­halt mei­nes Gen­derns welt­fremd und in sei­nen wah­ren Mo­ti­ven mis­sio­na­risch ver­schlei­ert sei. Denn ich be­nen­ne klar mei­ne Agen­da und kann auf Tat­sa­chen in der Welt, auf tat­säch­li­che und fak­ti­sche Un­ge­rech­tig­kei­ten und Macht­ver­hält­nis­se ver­wei­sen, die auch von der Spra­che und un­se­ren Wis­sens­struk­tu­ren er­zeugt und ge­stützt wer­den. Für mich ist ge­nau die­ses Auf­zei­gen ein wis­sen­schaft­li­cher und kein ideo­lo­gi­scher Er­folg vie­ler so­zio­lo­gi­scher Stu­di­en und macht­kri­ti­scher Dis­kurs­ana­ly­sen und Ge­nea­lo­gien etwa in den Gen­der- und Que­er­stu­dies.

Ich gen­de­re des­halb, weil ich da­von über­zeugt bin, dass Spra­che und Sym­bo­le ein we­sent­li­ches Mit­tel von Macht und Ge­walt sein kön­nen und so­mit ihr Wan­del für den Wi­der­stand und die Ver­än­de­rung oder Über­win­dung so­zia­ler Un­ge­rech­tig­kei­ten un­er­läss­lich ist. Wenn un­se­re Spra­che in ei­nem Fluss ist und die­se Trans­for­ma­tio­nen oft po­li­tisch mo­ti­viert und stra­te­gi­schen Ein­grif­fen aus­ge­setzt sind, egal, ob nun durch gen­der­sen­si­ble An­re­gun­gen oder Gen­der­sprach­ver­bo­te, dann ist nicht die Fra­ge ob, son­dern wie, auf wel­che Wei­se wir an die­sem Pro­zess mit­wir­ken wol­len. Ob af­fek­tiv, in­tui­tiv, mit gu­ten oder schlech­ten Ar­gu­men­ten, das macht doch ei­nen Un­ter­schied, auch in der Ak­zep­tanz die­ses Wir­kens, das je­den po­li­ti­schen Op­por­tu­nis­mus und jede Fi­na­li­tät mei­den soll­te.

Ich den­ke, dass die an­ge­spro­che­nen Geis­tes­wis­sen­schaf­ten sehr gute Grün­de für eine Ver­än­de­rung der Spra­che ge­nannt ha­ben, mit de­nen wir uns po­li­tisch nicht im­mer aus­rei­chend be­schäf­ti­gen, wenn wir nur dar­auf ver­wei­sen, wie sehr oder viel­mehr wie ge­ring wir uns von die­sen Ver­än­de­run­gen im Spre­chen und Ver­ste­hen ge­stört füh­len oder wenn wir Gen­der­sen­si­bi­li­tät vor­schnell als »Ideo­lo­gie« aus­wei­sen. Es be­steht zu­dem die Ge­fahr, dass eine ent­spre­chen­de Ge­gen­maß­nah­me, erst recht, wenn es sich um ein Ver­bot han­delt, das selbst nicht gut be­grün­det ist, sich wie­der­um dem Ideo­lo­gie­ver­dacht und voll­kom­men zu­recht der Ideo­lo­gie­kri­tik aus­set­zen muss. Der Weg zu ei­ner gu­ten Be­grün­dung wür­de über die oben an­ge­spro­che­ne Aus­ba­lan­cie­rung füh­ren: Wenn wir von der wich­ti­gen Auf­ga­be der Ver­ständ­lich­keit un­se­rer Spra­che re­den, wä­ren wir viel­leicht gut be­ra­ten, dar­un­ter nicht nur die Les­bar­keit und den rei­bungs­frei­en Sprach­fluss un­ser Sät­ze zu ver­ste­hen, son­dern auch den Fluss, mit dem sich un­se­re Spra­che wan­delt, um un­se­re Ver­stän­di­gung bes­ser und ge­rech­ter zu ma­chen.

Po­li­tik mit an­statt ge­gen Spra­che

Letzt­lich macht mir noch ein wei­te­rer Um­stand Sor­gen, der ge­gen­über dem Gen­dern all­ge­mei­ner liegt, wenn über­haupt re­gu­lie­rend auf die Wei­se Ein­fluss ge­nom­men wird, wie ich öf­fent­lich zu schrei­ben und zu spre­chen habe. Drückt nicht jede Re­ge­lung, nicht je­des Ver­bot auch ein wach­sen­des Miss­trau­en der Po­li­tik ge­gen­über Leh­ren­den und For­schen­den aus? Als Geis­tes­wis­sen­schaft­ler und im Sin­ne der Frei­heit mei­ner For­schung und Leh­re ge­hört zu mei­nem me­tho­di­schen Hand­werk, zu mei­nem Werk­zeug­kof­fer, nun ein­mal we­sent­lich ein frei­er Um­gang mit der Spra­che. Ich bin auf sie an­ge­wie­sen. Ich schrei­be und rede mit der Spra­che, auch ge­gen die von ihr mit­pro­du­zier­ten Miss­ver­hält­nis­se. Ich be­nut­ze die Spra­che da­für, um et­was zu ver­än­dern, um neue Er­kennt­nis­ge­gen­stän­de aus­zu­drü­cken, se­man­ti­sche oder auch on­to­lo­gi­sche Be­zie­hun­gen sicht­bar (also sag­bar) zu ma­chen, die vor­her wo­mög­lich ver­deckt und un­sicht­bar wa­ren. 

Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, die nicht nur be­schrei­ben, wie die Welt ist und wie die Din­ge ste­hen, son­dern wie un­ser For­schungs­kol­leg »Zei­chen der Zeit lesen« Im­pul­se für so­zia­le Trans­for­ma­tio­nen zu ge­ben, müs­sen als de­mo­kra­ti­sche In­sti­tu­ti­on von un­se­rer li­be­ra­len Ge­sell­schaft dar­in un­ter­stützt wer­den, Än­de­run­gen in der Art und Wei­se, wie wir den­ken und spre­chen, zu­zu­las­sen. Wir soll­ten uns ge­ra­de des­halb vor Sprach­ver­bo­ten hü­ten, weil ein Ver­bot an sich sel­ten eine sen­si­ble Maß­nah­me dar­stellt für hoch­sen­si­ble Fra­gen da­nach, wer sich wie von ei­ner Wei­se zu spre­chen aus­ge­grenzt und be­nach­tei­ligt er­lebt. In­ner­halb der Spra­che fin­det un­se­re ge­gen­sei­ti­ge Kri­tik statt: Wen habe ich mit mei­nen Sät­zen ver­nach­läs­sigt? Wen habe ich da­mit pau­schal klas­si­fi­ziert, wen habe ich da­mit ver­letzt? Wen habe ich auch ohne böse Ab­sicht aus- oder un­fair durch eine sprach­li­che Iden­ti­fi­ka­ti­ons­leis­tung ein­ge­schlos­sen? Es macht für mich als Wis­sen­schaft­ler doch ei­nen Un­ter­schied, ob ich die­se Kri­tik öf­fent­lich un­ter dem Da­mo­kles­schwert ei­nes end­gül­ti­gen Ver­bots oder ent­lang der für je­den Dis­kurs gel­ten­den, aber doch nie ab­schlie­ßend aus­ge­han­del­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­nor­men füh­re. Lasst uns doch in die­sem Sin­ne Po­li­tik mit Spra­che, aber nicht Po­li­tik ge­gen Spra­che ma­chen.

Für mich geht es dar­um, den po­li­ti­schen Um­gang mit Spra­che vor al­lem als so­li­da­ri­sche Pra­xis oder als Stif­tung so­li­da­ri­scher Be­zie­hun­gen mit den Un­sicht­ba­ren und Aus­ge­schlos­se­nen, sym­bo­lisch un­zu­rei­chend Re­prä­sen­tier­ten mit Le­ben zu fül­len. Das aber ist für mich nicht nur ein po­li­ti­scher In­halt, son­dern ein ge­nu­in wis­sen­schaft­li­cher An­spruch. Geht es der Wis­sen­schaft nicht ge­nau dar­um, Din­ge und Zu­sam­men­hän­ge zu er­ken­nen, die vor­her un­be­kannt, un­ge­se­hen und un­ge­sagt wa­ren? Es ist viel­leicht kei­ne gute Idee, den Wis­sen­schaf­ten ih­ren ur­ei­ge­nen Ope­ra­ti­ons­mo­dus und das da­zu­ge­hö­ri­ge neu­gie­ri­ge Ethos über ein Sprach­ver­bot zum Bei­spiel in der Leh­re zu be­schnei­den. Wie soll ich ad­äquat zwi­schen­mensch­li­che Ver­hält­nis­se kri­ti­sie­ren oder dazu ein­la­den, ohne auch die sym­bo­li­schen For­men auf­zu­de­cken und zu kri­ti­sie­ren, ohne die sie nicht denk- und ab­bild­bar sind? Wie soll das ohne Trans­gres­si­on und Ver­än­de­rung der Spra­che ge­hen? Mir leuch­tet nicht ein, was man ei­gent­lich von der Geis­tes­wis­sen­schaft ver­langt, wenn man ihr in­sti­tu­tio­nell neue und krea­ti­ve Sprach­for­men ver­bie­tet, an­statt sie als Vor­schlag in ei­nem kri­ti­schen Dis­kurs of­fen zu hal­ten und dort die Pros und Kon­tras ge­mein­sam mit der in­ter­es­sier­ten Öf­fent­lich­keit aus­zu­han­deln und sie ent­lang der Maß­stä­be von Ver­stand, Ver­ständ­lich­keit und Ver­stän­di­gung zu ba­lan­cie­ren. 

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